Sonntag, 27. Oktober 2019
Heute haben wir nichts zu erledigen, wir wollen uns eventuell ein bisschen
herumfahren lassen. Ilse hat wahrscheinlich gestern irgendetwas Falsches
erwischt, schon in der Nacht ist sie von Durchfall geplagt worden. Die Arme …Wir
gehen die paar Meter zum „Exotic“ rüber und dort in den 2. Stock hinauf. Wir
haben wieder einen Platz mit freiem Blick auf den Main Bazar unter uns. Gernot
gönnt sich Kaffee, Toast, Butter, Jam und dazu „Two eggs double-fried“. Und weil
er gerade Lust hat, gönnt er sich noch einen eiskalten Red-Bull, mit Strohhalm
hat er das Getränk auch noch nie vorher konsumiert. Ilse trinkt nur einen Tee
und knabbert lustlos an einer Toastscheibe mit Honig herum.

Danach suchen wir
uns einen halbwegs seriös ausschauenden Rikschah-Wallah und bald einmal werden
wir fündig. Schon nach wenigen Sekunden wissen wir, dass wir mit Kishore einen
Volltreffer gelandet haben.


Denn als wir uns als erstes zur Hanuman-Statue
bringen lassen, erklärt uns der überaus freundliche Endvierziger alles dazu,
auch dass sie 108 Feet hoch ist. Die Statue ist natürlich beeindruckend, aber
die neu errichtete Autobahn ist ganz knapp an das Monument herangerückt, es
musste sogar extra eine kleine Kurve in den Streckenverlauf eingebaut werde. In
den Tempel gehen wir nicht hinein, das lockt uns eher weniger, wir sind nun
wirklich nicht sonderlich an religiösen Dingen interessiert.


Als nächstes zeigt
uns Kishore, wo hier in Delhi die Affen leben. Wir werden in einen ziemlich
großen Wald gebracht, durch den eine links und rechts von Mauern begrenzte
Straße führt. In zahlreichen Kurven schlängelt sich das nette Sträßchen durch
den Wald, wir hätten es niemals für möglich gehalten, dass sich einen Steinwurf
vom lärmenden Pahar Ganj eine derartige Oase der Ruhe befindet. Und dann sehen
wir sie schon, eine ganze Horde Affen lässt sich füttern und bereitwillig
fotografieren. Es sind Paviane und das Alpha-Männchen ist unglaublich
beeindruckend und strotzt vor Kraft und Selbstbewusstsein. Wir haben großen
Respekt vor diesen Tieren, denn wenn die narrisch werden, nützt auch kein
Wegrennen mehr.
Weiter geht die Fahrt zum Lakhsmi-Tempel, wir fotografieren das
Gebäude aber ebenfalls nur von außen. Bei der Gelegenheit kaufen wir uns gleich
zwei Postkarten-Hefte, insgesamt 20 Stück. Sobald wir irgendwo ein Postamt
sehen, gibt’s auch die notwendigen Briefmarken dazu. Unser Fahrer Kishore fährt
uns dann ins Regierungsviertel von New Delhi und erklärt uns jedes wichtige
Gebäude. Wir bleiben kurz beim Präsidenten-Palast stehen - interessanterweise
dürfen Ausländer das Gelände betreten, Inder nicht (?!). Es stehen auch
Schilder herum, auf denen „No honking“ steht, also „Nicht hupen“. Was für eine
Unverschämtheit eigentlich! Jeder Einwohner hier wird von Lärm geplagt, aber
der Herr Präsident und die Herren und Damen Minister wollen ihre Ruhe haben.
Mahatma Gandhi schau herunter, das haben die aus deinem „All people are equal“
gemacht. …





Wir kommen natürlich zum „India Gate“, in den Wänden des monumentalen
Denkmals sind die Namen von 70.000 Indern eingraviert, die in den beiden
Weltkriegen gefallen sind. Ilse geht ein paar Meter aufs Gelände, natürlich
muss sie vorher einen Security-Check machen. Übrigens an einem „Women only“
Eingang. Als sie nach ein paar Minuten wieder raus will, sieht sie, dass sie
dafür einen Riesenumweg machen muss, denn der Ausgang befindet sich ganz wo
anders. Aber Ilse wäre nicht Ilse, würde sie sich nicht eine Ausnahme
herausverhandeln und so darf sie als einzige wieder durch den Eingang
rausgehen.




Kishore führt uns dann zu einer gigantischen Grünfläche, einen
richtigen Wald, der sich Lodi-Park nennt. Hier herrscht die totale Ruhe, man
hört die Vögel zwitschern und es befinden sich kaum Leute hier herinnen. Wir
spazieren ein bisschen herum und Kishore macht uns ein paar Yoga-Übungen vor.
Sehr beeindruckend, er ist wirklich in guter Form. Wir bleiben eine gute halbe
Stunde lang im Park, dann lässt uns aufkommender Durst zu einem Chai-Shop
fahren.


Wir trinken Limca und Coca-Cola, letzteres kommt in einer netten 250 ML
Flasche daher. Danach sind wir von den vielen Eindrücken leicht overdosed und
lassen uns zurück zum Main Bazar bringen. Vorher zeigt uns Kishore noch die
einzige Stelle Delhis, wo sich Riesenfledermäuse niedergelassen haben. Zu
dutzenden hängen die schwarzen Batmans in den Bäumen, so etwas haben wir auch
noch nie gesehen. Nach guten drei Stunden Fahrt steigen wir direkt beim Hotel
„Metropolis“ aus und chargen Kishore für seine Tour. Natürlich nennt er keinen
Preis, als ihm Gernot 1.000 RP in die Hand drückt, ist er mehr als zufrieden
damit. Wir tauschen noch unsere Handynummern und vielleicht fahren wir mit ihm
oder seinem Sohn (der ein „richtiges“ Taxi besitzt) am Dienstagvormittag zum
Flughafen. Das war wirklich eine außergewöhnlich lässige Stadtrundfahrt mit
einem sehr, sehr netten Rikschah-Wallah, der alles über seine Stadt weiß und
uns das in einer völlig unaufdringlichen Art nähergebracht hat.
Von den
Eindrücken sind wir derart geplättet, dass wir uns bald einmal niederlegen
müssen. Vorher gönnen wir uns aber noch jeder eine Portion Röstkartoffel mit
Salz - ein Hochgenuss. Die einfachsten Dinge sind wirklich oft die besten. Dann
aber nix wie ins Hotel, duschen, Klimaanlage an und ab in die Betten. Nach
zwei, drei Stunden Schlaf sind wir dann wieder aufgestanden, Ilse geht es
leider immer noch schlechter. Sie hat Durchfall und gleichzeitig kotzt sich die
Arme die Seele aus dem Leib. Hoffentlich ist es nur eine typisch indische
Magenverstimmung … Trotz ihres maladen Zustandes begleitet sie Gernot hinauf
ins „Exotic“ Restaurant, die steilen Stufen kommen ihr vor wie eine
Himalaya-Expedition. Ilse ist eigentlich vollkommen fertig, an essen ist nicht
einmal zu denken, also bestellt sie sich nur einen Schwarztee. Gernot kommt
hingegen schon wieder nicht an den „Dal Makhani with Butter Naan (das ist
eigentlich die richtige Schreibweise dieses indischen Fladenbrotes)“ vorbei,
diesmal werden sie in einem nicht unhübschen Metall-Eimerchen serviert.
Und
wieder war dieses Linsengericht einfach nur köstlich, Gernot hat alles bis zum
letzten Krümel aufgefuttert. Wir sitzen wieder direkt an der Brüstung und geben
uns die Stimmung. Heute ist das Fest Diwali an seinem Höhepunkt, es werden
ununterbrochen Knallkörper gezündet und bunte Raketen in den Himmel gejagt. Wie
bei uns daheim zu Silvester. Und wer kein Geld dafür hat, der knallt wenigstens
die Fensterläden auf und zu, Hauptsache, es lärmt ordentlich … Wir müssen dann
rasch ins Zimmer zurück, Ilse ist komplett down. Im Zimmer kommt sie dann ewig
lang nicht mehr aus der Toilette heraus, Brechdurchfall in Reinkultur. Gernot
macht sich langsam echt Sorgen, noch dazu, wo er selber ein heftiges
Bauchgrimmen und -zwicken verspürt. Beide dürfen wir keinesfalls krank sein,
denn dann haben wir ein echtes Problem. Weil sich bei Gernot immer mehr der
Bart zeigt, wird es Zeit, zum Barbier-Wallah zu gehen.

Wir haben ja nicht
einmal Rasierzeug eingepackt, in Indien hat sich Gernot bei all seinen Reisen
noch nie selber rasiert. Gegenüber vom Hotel „Metropolis“ ist bei einem Barbier
ein Stuhl frei und Gernot nimmt Platz. In der kommenden dreiviertel Stunde wird
Gernot dann nach allen Regeln der indischen Barbier-Kunst behandelt,
Gesichtsmassage inklusive. Die führt der Wallah übrigens heutzutage nicht mehr
mit seinen Händen und Fingern aus, dafür gibt es jetzt eine handliche Maschine.
Sie schaut irgendwie aus wie ein Winkelschleifer, erfüllt aber voll ihren
Zweck. Dann kriegt Gernot noch eine Spezialpaste gegen Mitesser ins Gesicht
geschmiert und schaut für eine Viertelstunde aus wie ein trauriger Clown.
Abschließend noch mindestens drei verschiedene Rasierwässer und Puder ins
Gesicht geklatscht - fertig. Die ganze Prozedur war mit 480 (!!!) RP zwar
exorbitant teuer, ein Inder würde sich über diesen Preis krummlachen. Aber
Gernot ist so glattrasiert wie nie zuvor und das ist allemal 6 Euro wert. Am
Retourweg kommt Gernot dann an Saschas Shop vorbei, er ist nicht da, dafür sein
Bruder Aziz (den man Aschisch ausspricht). Mit einem strahlenden Lächeln und
einem „This gift ist for you an your wife with a Happy Diwali fromm my brother“,
will er Gernot zwei gigantische Schachteln mit Keksen und Pralinen überreichen.
Das ist wieder typisch Indien! Jetzt weiß Sascha ganz genau, dass wir am
Dienstag nach Varanasi fliegen, schließlich war er bei der Buchung erste Reihe
fußfrei mit dabei. Und dann schenkt er jedem von uns 1 kg (!!) Süßigkeiten, die
beiden riesigen Schachteln allein würden schon eines unserer Köfferchen füllen.
Wurscht - schenken wir sie halt weiter. Aber vorher bleiben sie ohnehin noch im
Shop, denn Gernot hat sich schnell eine Ausrede einfallen lassen, warum er die
Geschenke grad nicht übernehmen kann. Und jetzt nix wie „back to the hotel“. Ilse schläft noch bzw. ist eher bewußtlos und Gernot setzt sich dann an den Computer, um unseren
Blog am Laufenden zu halten.
Das Bauchgrimmen wird dann immer heftiger, doch
plötzlich lösen sich gute 2 Kubikmeter Luft aus dem Darm und danach schaut die
Welt gleich besser aus. Gernot hat also nix und das mit Ilse wird schon wieder
werden. Om Nama Shiva ya. Um 23 Uhr macht Gernot dann das letzte Licht aus,
draußen explodieren nach wie vor im Minutentakt die Böller und Raketen. Gute
Nacht …









Samstag, 26. Oktober 2019
Wieder sind wir verhältnismäßig früh aufgestanden und nach Erledigung von
Morgentoilette und Duschen sind wir zur „German Bakery“ rübergegangen. Ilse hat
sich Schwarzen Tee und „Toast, Butter, Jam“ gegönnt, Gernot entschied sich fürs
„French Breakfast“ mit Kaffee, zwei Croissants und einem Orangenjuice. Die
Croissants erinnerten in ihrer Form tatsächlich an das französische Vorbild,
geschmeckt haben sie leider wie die schlechte indische Kopie eines Croissants.
Wurscht, eines hat Gernot eh aufgegessen, das zweite durfte als Dog-Food
mitkommen. Übrigens, für den Preis des gesamten Frühstücks bekommt man in
Innsbruck nicht einmal den frischgepressten Orangensaft, aber das nur nebenbei.
Danach sind wir noch einmal zum Bankomaten, diesmal testeten wir die EC-Karte
von Gernot. Hat ebenfalls klaglos funktioniert, jetzt haben wir halt noch mehr
Bargeld im Sack bzw. in den Bauchtaschen. Aber es gibt Schlimmeres. Um
wenigstens kurz der Lärmhölle im Main Bazar zu entkommen, sind wir gleich nach
dem Frühstück mit der Rikscha zum Connaught Place rüber getuckert. Das muss man
sich mal vorstellen: Um dem Irrsinnsverkehr des Pahar Ganj auszukommen,
flüchten wir uns zum größten Verkehrsknotenpunkt der Millionenstadt Delhi. Sind
wir schon völlig deppert geworden? Nein, aber hier am Connaught Place gibt es
wenigstens überall Gehsteige und zahlreiche Laubengänge, wo sich die
Top-Geschäfte befinden. Da kann man wirklich ganz normal spazieren gehen.

Und
es wird höchstens alle drei Sekunden einmal gehupt, das ist ein enormer
Unterschied. Was allerdings gleich ist, das sind die unzähligen „Hello my
friend, where do you com from“-Commission-Wallahs. Die können einem echt auf
die Nerven gehen. Ignorieren hilft nur sehr begrenzt, denn die schaffen es
schon, auf sich aufmerksam zu machen. Man kann wirklich kaum einen Schritt
gehen, ohne dass man einen dieser lästigen Typen an sich hängen hat. Und wenn
man einmal, wie es Gernot bei einem besonders aufdringlichen Kerl gemacht hat,
die „where do you come from“ Frage mit einem „Why you want to know? You will
send me a Picture-Postcard?“ dann rauschen sie mit einem „I just want show you
my shop“ beleidigt ab. Aber es sind bei
Weitem nicht alle Inder so, manche sind wirklich nett und das ohne
Hintergedanken. So hat uns ein junger Inder gewarnt, in der Öffentlichkeit auf
das Handy zu schauen, denn da würden alle sofort glauben, dass man etwas sucht
und sich als Hilfe anbieten. Guter Mann, es genügt schon allein unsere
Hautfarbe, dass alle Beutelschneider hier auf uns aufmerksam werden. Ein anderer
Inder nahm sich lange Zeit dafür, uns die verschiedenen Raubvögel hier zu
erklären. Unglaublich eigentlich, aber der Himmel von Delhi ist voll von
Raubvögeln, vor allem Adler und Milane, wie wir jetzt wissen. Wir haben
gesehen, wie einige der mächtigen Adler direkt neben der mehrspurigen Fahrbahn
des Connaught Places auf Tauben Jagd gemacht haben. Faszinierend und
erschreckend gleichzeitig. Wie so vieles in Indien. So, jetzt war es dann aber
wirklich an der Zeit, die „Mission Zugticket nach Varanasi“ anzugehen. Dazu
haben wir uns von einer Rikscha zur „New Delhi Railwaystation“ bringen lassen,
dort befindet sich Gernots Wissen nach das „Tourist-Ticket-Booking-Center“. Er
muss es wissen, denn er hat viele Stunden dort verbracht, gemeinsam mit
dutzenden anderen Travellern ...

Nun ja, das war zumindest noch vor ein paar
Jahren so, denn jetzt ist das Büro ganz wo anders. Das sagte uns ein besonders
nerviger Inder, der sich als Chef aufspielte, aber nicht einmal eine
Bahnuniform getragen hat. Was wir so mitgekriegt haben, müssen wir ein Stück
laufen und dann nach links abbiegen. Nun - das nächste links ist eigentlich
schon der Connaught Place, von dem wir grad gekommen sind. Das kann nicht sein.
Leider doch, wir sind also die vielleicht 1,5 km zum großen Platz zurückmarschiert
und plötzlich sind uns die gut 30 Grad in der prallen Sonne ziemlich heiß
vorgekommen. Noch dazu waren wir nicht eine Sekunde lang alleine unterwegs,
immer begleitete uns irgendein Commission-Wallah, sie wechselten sich dabei ab.
Und alle paar Meter deutete der jeweilige Wallah mit dem Arm nach vorne und
meinte: „This direction, Sir. Just straight on!“ Wahrscheinlich wurden wir als
„potentielle Geldquelle“ immer wieder weitergereicht und wenn wir dann letztendlich
das Ticket buchen, schneidet jeder Typ ein paar Rupees mit. Das soll man nicht
wahnsinnig werden? Wir wurden schließlich direkt an der Pforte zum
„Tourist-Ticket-Office“ abgegeben, dort von einem überaus freundlichen Inder in
Empfang genommen, per Handschlag begrüßt und in den ersten Stock an seinen
Schreibtisch geführt. Wie, was, wo? Keine Menschenschlangen, keine
schwitzenden, verzweifelten Touristen, keine stundenlangen Wartezeiten? Nix
dergleichen und es wurde sogar noch besser! „Happy Diwali“ strahlte der dicke Mann
und fragte wie selbstverständlich: „You want chai or coffee?“ Und zu Gernot
gewandt meinte er locker und mit einem Augenzwinkern: „Or do you prefer a cold beer,
Sir?“ Jetzt glaubten wir wirklich, dass wir im falschen Film sind. War schon
mal wer in Indien? Hat dort schon mal wer versucht ein Zugticket zu kaufen? Und
hat er Tee und Bier serviert bekommen? Oder hat er sich danach erst einmal ein
paar Stunden lang hinlegen müssen? Eben! Das muss „Versteckte Kamera“ sein.
Aber, keine zwei Minuten später hatte Ilse ihren Black Tea und Gernot ein
eiskaltes Kingfisher am Tisch. Der überaus redefreudige Inder erzählte uns von
seinen vielen Reisen nach Europa, er liebt Deutschland und Belgien, er war auch
schon in der Schweiz und ist mit dem Flixbus von Hamburg nach Venedig gefahren.
„But Venice is very expensive“, meinte er. Das können wir bestätigen, es ist
erst ein paar Wochen her, dass wir selber dort waren. Tja, so plauderten und
scherzten wir, während der ganzen Zeit tippte der Inder in seinem Computer herum.
Seine Mine wurde immer besorgter und schließlich meinte er wirklich traurig:
„No chance, no ticket to Varanasi available.“ Shit. Er meinte, wir sollten doch
mit dem Bus fahren oder fliegen. Aber der Bus braucht gute 14 Stunden für die
850 Kilometer. Und fliegen wollen wir nicht, das möchten wir nur bei ganz
weiten Strecken oder im Notfall tun. Wie schaut es mit einer Taxifahrt aus? Ein
so genanntes „Government-Tourist-Taxi“ würde uns für 17.500 RP hinbringen, aber
das ist auch ein Blödsinn. Okay, dann werden wir wohl doch fliegen müssen Wir
verabschieden uns herzlich von dem überaus sympathischen Mann und um die ganze
Story noch ein wenig unglaubwürdiger klingen zu lassen: Wir haben nichts für
die Getränke bezahlen müssen und wurden mit einem nochmaligen „Happy Diwali“
bis zur Tür begleitet. Also - dieser Typ war einmalig und wenn DAS das neue
Service der indischen Bahn ist - na dann: Chapeau!!! Auch wenn dieses Erlebnis
mehr als nur lässig war, wir sind immer noch ohne Tickets nach Varanasi
dagestanden. Zuerst einmal sind wir zu Fuß zurück ins Hotel spaziert, heute
haben wir uns übrigens nicht verlaufen. Dort haben wir uns dann im Internet
nach Flügen umgesehen und sind schnell fündig geworden. Die Airline „Vistara“
verlangt für beide Tickets zusammen knapp 9.000 RP, also ca. 110 Euro. Passt,
das buchen wir. Aber, blöderweise funktioniert das Bezahlen mit der Kreditkarte
nicht, online muss man den so genannten 3D-Code eingeben und der ist
blöderweise an Ilses österreichische Handynummer gekoppelt. Also würde die
Kommunikation der Airline mit uns über diese Nummer laufen und das geht
natürlich nicht. Gut - Ilse hat sich dann an eine indische
Facebook-Bekanntschaft gewandt, der Mann war zwar sehr bemüht und hilfsbereit,
er hätte die Tickets sogar mit seiner Kreditkarte bezahlt, gegen einen sehr
geringen Obolus. Er ist aber gerade in Rajasthan unterwegs, kein Problem, uns
war das Ganze eh zu kompliziert. Wir bezahlen die Tickets einfach bar, wir
haben eh so viel Cash einstecken. Fragt sich nur, wo wir im Main Bazar einen
halbwegs seriösen Ticket-Seller finden. Diese Frage haben wir dann unserem
Freund Sascha gestellt und jetzt folgt eine typisch indische Szene, genau so
eine, warum man immer wieder wahnsinnig werden könnte hier. Wie Gernot von
unserem Problem erzählt hat, wurde er in diesen drei, vier Sätzen mindestens
fünf Mal unterbrochen. Von einem Bekannten Saschas, von einer Bettlerin, von
einem Touristen, von einem Freund Saschas usw. Mitten im Reden und bei keiner
unwichtigen Sache für uns. Das nervt. Dann haben wir ihn sicher zehnmal
gefragt, ob er nicht jemanden kennen würde, bei dem man getrost ein Ticket
kaufen könne. Er hat dann lange hin- und herüberlegt, den Kopf gewiegt und uns
schließlich seine Kreditkarte angeboten. Aber wir wollen doch bar zahlen, das haben
wir ihm auch schon zehn Mal erklärt. Und dann, er war eh schon so narrisch,
schnauzt Gernot Sascha an und erklärt ihm, dass wir so keine Geschäfte machen
können. Das muss seriös sein, zack-zack gehen und sich zu keiner x-fachen
Commission-Wallah-Story auswachsen. Da ist der Sascha zwar kurz beleidigt
gewesen, steht dann aber mit einem „Come on“ auf und geht in den Shop fünf
(!!!) Meter nebenan. Dort hat sein Onkel, wie wir sofort sehen ein hochseriöser
Sikh, ein Reise- und Geldwechselbüro. Wir zeigen ihm einen Screenshot mit
unserem gewünschten Flugdaten, er sagt nur ein Wort: „Passport“ und tippt
schweigend in seinem Computer herum. Tja, was sollen wir noch groß sagen? Keine
zehn Minuten später waren wir wieder aus dem Laden draußen, im Geschäft noch
hat uns „Vistara“ den Flug bestätigt und wir haben nicht einmal eine Rupie
Kommission bezahlt. Das war wieder so ein Fall, wo man an den Indern
verzweifeln könnte. Warum einfach, wenn es so herrlich kompliziert auch geht. Wir
fliegen übrigens am Dienstag um 13 Uhr 25 hier ab und sind keine eineinhalb
Stunden später in Varanasi. Vom Ticket-Wahnsinn haben wir uns dann im Hotel
erst einmal erholen müssen und gleich einmal bis 17 Uhr geschlafen. Dann hat
uns der Hunger geweckt und wir sind ein paar Häuser weiter ins „Exotic
Restaurant“ gegangen. Dessen Roof-Top-Terrasse hat Ilse schon vorgestern
entdeckt, heute kehren wir dort ein.


Nach dem Bewältigen der extrem steilen
Steintreppe haben wir Platz genommen, direkt am Terrassengeländer, mit freiem
Blick auf den Main Bazar und dem ganzen Zirkus, der sich dort permanent
abspielt. Es wird gerade dunkel und überall leuchten wegen Diwali LED-Girlanden
oder es brennen Kerzen. Zwar trübt auch hier heroben das ununterbrochene Hupen
ein bisschen die Stimmung, aber wenigstens muss man nicht dauernd irgendwelchen
irren Fahrern ausweichen. Gernot bestellt sich köstliche vegetarische Nudeln,
da wurde alles an Gemüse hineingeschnitten, was in der Küche verfügbar war.
Ilse gibt sich mit einem „Garlic Nan“ zufrieden, vor Vampiren sind wir heute
Nacht garantiert sicher. Dazu trinken wie Mango-Lassi und Cola, ein wirklich
gutes Abendessen. Noch auf der Terrasse des „Exotic“ beschließen wir, dass wir
Sascha zu Diwali eine Torte schenken werden, wie wir sie gestern in der Auslage
gesehen haben. Auch als kleine Entschädigung dafür, dass er von Gernot angemotzt
worden ist. Wir finden den kleinen Laden auf Anhieb wieder und kaufen eine
wirklich schöne Schoko-Torte. Der Wallah schreibt mit einer Spritztülle noch
„Happy Diwali“ auf ein Keks, legt noch ein Plastikmesser zum Anschneiden
obenauf und packt schließlich noch ein Mini-Feuerwerk dazu. Für alles zusammen
haben wir 195 RP abgelegt, das sind tatsächlich nicht einmal 2,50 Euro.
Manchmal ist für die Preise hier das Wort „billig“ fast nicht mehr brauchbar … Mit
unserer süßen Beute im hübschen Geschenkkarton sind wir dann sofort zu Saschas
Shop gegangen, die Torte wird ohne Kühlung nicht lange halten. Leider war er
nicht da, also haben wir sie seinem Vater übergeben, der sie gleich brav in den
Kühlschrank stellen hat lassen. Dann war für heute wirklich Schluss, wir sind
ins Hotel zurück, haben noch ein wenig den Blog zurechtgebogen und sind dann
recht bald pennen gegangen. Das war echt ein dichter Tag heute, so wie bisher
alle Tage hier. Aber das passt schon …




